Decamerone (Das Dekameron)
Giovanni Boccaccio: Decamerone (Das Dekameron).
im Jahre 1348 geschrieben.
Albatros Verlag, Düsseldorf - 887 Seiten.
Das Buch habe ich gelesen vom 21. Juli 2002 bis
zum 02. November 2002
Ein schönes, gut lesbares Buch! Sieben junge Frauen und drei junge Männer flüchten aus der pestverseuchten
Stadt Florenz und beginnen draußen auf dem Lande sich zehn mal zehn Geschichten zu erzählen (daher auch der
Name "Decamerone"). Meist wird vom jeweiligen täglich neu gewählten "König" oder "Königin" ein Rahmenthema vorgegeben,
nachdem sich die zehn Erzähler zu richten haben, in einem Fall wird das Thema offen gelassen und jeder kann das
erzählen, was ihm gefällt.
Es sind meist recht spannende, kurzweilige und schöne Geschichten, die sich zum überwiegenden Teil um die Wirrungen
und Irrungen der Liebe drehen, teilweise sogar pornographischen Charakter haben. Und doch ist jede Erzählung anders
und für sich recht spannend. An dieser Stelle darf ich einfach mal eine kurze (allerdings nicht erotische)
Geschichte zitieren.
Beeindruckend finde ich auch, wie offen und schonungslos Boccaccio im Decamerone immer wieder den teilweise doch
recht heuchlerischen und verlogenen Alltag der katholischen Kirche kritisiert! (Stichwort: Ablass, Verhalten von
Mönchen und Priestern usw...). Und das im mittelalterlichen Italien, einige Jahrzehnte vor der Reformation. Mutig!
Wenn man sich die (Kurz-)Biografie von Boccaccio anschaut, dann stellt man fest, daß ihm dadurch zumindest keine
lebensbedrohlichen Nachteile entstanden sind. Eigentlich überraschend. Einen roten Faden meiner Literaturliste
kann ich auch hier wieder gut erkennen: Vorbild für Boccaccio war immer auch Dante (und seine göttliche Komödie).
Außerdem war er mit Petrarca befreundet - der jedoch nicht auf meiner Literaturliste erscheint.
Anbei noch ein paar Zitate:
Hermann Hesse: "Das Decameron ist das erste große Meisterwerk europäischer Erzählkunst"
Winfried Wehle: "Er [Boccaccio] knüpft an die einflußreiche Lehre vom mehrfachen Schriftsinn an. Sein Bezugspunkt
ist gewiß Dante. Dessen Göttliche Komödie war ein strahlender Sieg der Literatur
über die (dominikanische) Theologie und ihr sinnfeindliches 'Bilderverbot'. Dante hatte dazu aus der 'Allegorie der
Theologen' eine 'Allegorie der Dichter' abgeleitet. Mit ihrer Hilfe erhob er für die Dichtung formell den Anspruch,
in ihren schönen, aber 'lügnerischen' Erfindungen gleichwohl den Sinn der Welt mitteilen zu können. Boccaccio äußert
sich ungleich verhaltener. Und doch überschreitet er seinerseits noch einmal radikal die Position Dantes. Er wendet
die 'Allegorie der Dichter' auf einen Gegenstand an, der jede zeitgenössische Vorstellung von Dichtung beleidigt. Was
waren die Begebenheiten und Vorfälle seiner Geschichten schon? Nichts im Vergleich zu den großen, geschichtsmächtigen
Heldensagen in den Epen Homers und Vergils; nichts im Vergleich zu Dantes Jenseitswanderung. Und was noch schwerer wog:
seine Novellen, jede für sich vorgetragen, schließen sich nicht zu einer durchgehenden Geschichte zusammen."
"Boccaccios Hauptwerk [...] prägte als Novellenzyklus mit einer Rahmenerzählung maßgeblich die Gattungsgeschichte
der Novelle und beeinflusste wesentlich die Entwicklung der italienischen Kunstprosa. In den 100 Novellen, die an
10 Tagen von verschiedenen Figuren der Rahmenerzählung vor dem Hintergrund der großen Pest von 1348 erzählt
werden, werden Stoffe aus mittelalterlichen Exempel-, Fabel-, Legenden- und Schwanksammlungen sowie aus der orientalischen
und antiken Erzählliteratur in einem ebenso drastisch-realistischen wie rhetorisch-satirischen Stil dargeboten.
Hauptthemen sind das wechselhafte Glück und die triebhafte Liebe."
(Quelle: Der Brockhaus - Literatur, 2004, Leipzig, Mannheim).
"Die besondere Leistung Boccaccios ist aber vor allem in der Legitimierung der sinnlichen Liebe und des
erotischen Instinkts zu sehen, die Das Dekameron von der mittelalterlichen und von der antiken Tradition
abgrenzt und lange Zeit unübertroffen blieb."
(Quelle: Harenberg - Das Buch der 1000 Bücher, 2002,
Dortmund).
"Seinen weltweiten Ruhm begründet [Boccaccio] mit dem >Decameron< [...], einer Sammlung von 100 in eine
Rahmenerzählung eingeflochtenen Novellen, die zehn junge Florentiner Adlige auf einem Landgut während
der großen Pest (1348) an zehn Tagen einander erzählen."
(Quelle: Der Große Knaur, 1982,
München).
"Sein Meisterwerk, das Decameron, porträtiert mit bis dahin unbekanntem Realismus und Witz die facettenreiche
Gesellschaft des 14. Jahrhunderts und erhebt ihn zum Begründer der prosaischen Erzähltradition in Europa."
(Quelle: Wikipedia, Februar 2006).
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© November 2002 by Martin J. Zimmermann.
Letzte Änderung dieser Seite: 16. Mai 2007.